Take 5: Dokumentarisch Geschichten erzählen

Worum geht es?

Spielfilme erzählen Geschichten. Das ist nicht weiter verwunderlich. Wie sieht es aber im dokumentarischen Bereich aus? Welche Rolle spielt Storytelling im Journalismus und in Wissenssendungen? In diesem Modul erfährst du, wie du dokumentarische Stoffe spannend aufbereiten und erzählen kannst.

Du lernst konkret

  • Du kennst die wesentlichen Bausteine des journalistischen audiovisuellen Erzählens.
  • Du kennst verschiedene Dramaturgiekonzepte und Spannungsformen im Bildungs-TV. 
  • Du kannst ein Thema und/oder eine Fragestellung dramaturgisch aufbereiten und einen roten Faden spannen.  
  • Du wählst für dein Thema und deine Fragestellung ein geeignetes Dramaturgiekonzept aus und entwickelst es weiter.  

Hintergrundinfos

01 Bausteine des Erzählens (Mikro-Ebene)

Zuerst schauen wir uns die Bausteine des filmischen Erzählens auf der Mikroebene an. Du hast in Take 4 bereits gelernt, dass Handlungen mit der Five-Shot-Technik filmisch aufgelöst werden können, so dass die Zuschauer*innen verstehen, was sie sehen. Das reicht aber noch nicht aus. Welche Bausteine es noch braucht, sehen wir in diesem Videobeispiel. Bitte schaut euch nur den kurzen Ausschnitt an, der hier verlinkt ist. Achtet auf die Reihenfolge der Einstellungen. Ihr werdet anschliessend gebeten, die Reihenfolge aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren.

Übung

Besuche nun unsere Übungsplattform und rekonstruiere die Sequenz aus dem Gedächtnis. Bringe die Einstellungen in die richtige Reihenfolge.

Den Link auf die Übung bekommt ihr im Zoom Meeting.

Jetzt schauen wir uns die einzelnen Bausteine nochmals genau an und überlegen, wofür es sie überhaupt braucht.


Die Bausteine des Erzählens im Überblick

Idealtypischer Ablauf von Erzählbausteinen

Die Grafik zeigt einen idealtypischen Ablauf einer videojournalistischen Sequenz. Die ersten 2-3 Einstellungen etablieren den Raum, danach folgt die Einführung der Person(en). Dies ist häufig mit Informationen aus dem Off unterlegt. Dann folgen O-Tonpassagen eines Experten / einer Expertin. Der «Talking Heads Effekt» wird durch Inserts etwas aufgelockert. Zur Verarbeitung der Infos leiten zerstreuende Aufnahmen ohne weitere Sachinfos aus der Sequenz. In einem Beitrag werden mehrere dieser Sequenzen zusammengefügt.

Idealtypischer Ablauf einer Sequenz

Knobelaufgabe

Vergleicht die eher kurzen mit den eher langen Einstellungen aus dem Achterbahn-Beitrag auf der Übungsplattform. Was fällt euch auf? Erkennt ihr ein Muster?


02 Storytelling

In Wissenssendungen für Kinder werden die Inhalte häufig in Geschichten verpackt. Doch was genau ist eigentlich eine Geschichte? Was gehört alles zu einer Geschichte? Was kann man weglassen? Hier findet ihr einige Dinge, die ihr für das Storytelling im Journalismus brauchen könnt.

Anfang – Mitte – Schluss

Ihr haltet das vermutlich für eine Binsenweisheit. Schon in der Schule lernt man, dass eine Geschichte einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss hat. Aber was ist ein Anfang? Was braucht es für die Mitte? Und wie geht ein guter Schluss?


Held*innen

Eine Geschichte braucht ein Gesicht. Im englischen Sprachraum heisst es lapidar: «Find a Face». Im Deutschen spricht man von Personifizierung.

Ein Held im Sinne der Dramaturgie ist ein Mensch, der uns emotional in Verbindung bringt mit einem Thema.

Lampert 2020, S. 74

Story und Plot

Spannung im Journalismus ist natürlich anders als Spannung im Spielfilm. Gleichwohl gibt es in beiden Fällen eine Story und einen Plot. Der Plot ist die Art und Weise, wie die Story erzählt wird. Man kann dies chronologisch tun, dann wird die Story in der gleichen Reihenfolge erzählt, wie sie passiert ist. Oder man gestaltet den Plot so, dass zuerst das Ende erzählt wird, dann zum Anfang (2 Wochen vorher) zurückgesprungen wird, bis schrittweise klar wird, wie es zum Ende kam. Der Plot kann also mit Auslassungen, Vorgriffen, Rückblenden, Zeitdehnungen oder Zeitraffungen arbeiten.

Dramaturgische Form

Episodenstruktur
Es werden einfach verschiedene, voneinander unabhängige Szenen aneinander gesetzt. Wichtig ist aber, dass ein thematischer Zusammenhang besteht.

Beispiel: Singen ist gut für die Gesundheit / Singen verlängert das Leben
Heldin Tara fragt sich, ob Singen wirklich das Leben verlängert. Dann erlebt sie verschiedene Szenen, die die These unterstützen (eine alte Frau singt; ein trauriges Mädchen singt ein Lied und ist plötzlich glücklich). Die fachlichen Informationen kommen dann im Off-Text parallel zu den Szenen.

Parallelstruktur
Man trennt die Handlungsebene des Helden / der Heldin von der inhaltlichen Ebene und lässt beide Ebenen abwechseln.

Beispiel: Saisonales Wintergemüse
Handlungsebene: Jo möchte nachhaltige Erdbeeren essen, im Winter gibt es aber keine aus der Region. Er ist frustriert, weil er findet, dass es im Winter einfach keine leckeren saisonalen Erzeugnisse gibt. Inhaltsebene: Landwirte, die Wintergemüse anbauen, Nachhaltigkeitexpert*innen kommen zu Wort und erklären, warum es wichtig ist, saisonal zu essen, Rezepte, was man alles aus Wintererzeugnissen machen kann.

Heldenreise
Die Heldenreise ist eine klassische dramaturgische Form. Eine Heldfigur hat ein bestimmtes Ziel. Um es zu erreichen muss sie sich auf den Weg ins Abenteuer machen. Dort erlebt sie verschiedene Abenteuer, muss sich beweisen, sich durchsetzen, sich entwickeln, sich auf den Kampf vorbereiten. Am Ende erreicht sie ihr Ziel, kehrt zurück und wird als Held*in gefeiert.

Rahmengeschichte
Die Rahmengeschichte umrahmt den Inhalt bzw. die Auseinandersetzung mit Thema und Fragestellung. Es gibt meistens eine Szene zu Beginn, aus der sich die Problemstellung entwickelt. Dann wird der Inhalt erarbeitet, z.B mit Erklärstücken, Expert*innenstatements, Realaufnahmen; am Ende kommt der Beitrag wieder auf die Ausgangsgeschichte zurück und das Problem wird vor dem Hintergrund des inhaltlichen Auseinandersetzung gelöst.

Beispiel: Schwindelgefühl beim Karussell
Ein Kind und ein Erwachsener fahren Karussell auf einem Spielplatz. Die Erwachsene kann anschliessend kaum noch laufen und fällt um, das Kind wird etwas besser mit der Situation fertig. Daraus entsteht die Frage, woher der Schwindel kommt und warum manche Menschen stärker betroffen sind als andere. Dann kommt die inhaltliche Auseinandersetzung. Am Ende führt der Beitrag die Zuschauer*innen zurück zur Rahmenhandlung, beantwortet die Frage oder gibt sogar Ratschläge, was man gegen Drehschwindel tun kann.

Aufgabe

Überlegt euch, wie ihr Storytelling in euren Beitrag einbauen könnt. Überlegt euch, welche Erzählbausteine ihr braucht.

Ressourcen und Links

Storytelling, was ist das? (Eine Zusammenstellung der Journalistin Marie Lampert)

Last modified: 1. Februar 2021

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